Technologische Nostalgie auf dem Vormarsch

07. Mai 2018 /
Das neue Nokia 3310 gibt es in vier Farben. Credits: HMD Global

Welches ist das meistverkaufte mobile Telefon aller Zeiten? Sicherlich ein iPhone, denkt man sich. Aber weit gefehlt. Es ist ein Relikt aus den 2000er Jahren, welches die Tabellenspitze anführt: Das Nokia 1100 hat sich weltweit über 250 Millionen Mal verkauft. Ein anderes Modell, das 3310, hat inzwischen Kultstatus erlangt und erhielt 2017 eine Neuauflage – als eines von vielen Retro-Tech-Produkten.

Unzerstörbar, unendliche Akkulaufzeit und Snake: Das 3310 besaß Anfang der 00er-Jahre irgendwie fast jeder einmal. Während der Smartphone Akku bereits am Nachmittag gefährlich in Richtung 30% steuert, erinnert man sich an die gute alte Zeit, als man das Handy höchstens einmal pro Woche ans Stromnetz stecken musste. Auf dem Smartphone-Markt hat der schwedische Handy-Gigant zwar versagt, mit einer bunten und überholten Variante des 3310 konnte HMDs Nokia im vergangenen Jahr immerhin wieder von sich reden machen. Lieferschwierigkeiten und allgemeine Enttäuschung, dass nach über zehn Jahren Gewöhnung an Smartphones der digitale Rückschritt doch nicht so alltagstauglich ist, ließen allerdings schnell wieder Ruhe einkehren.

Technologie einer besseren Zeit

„Retro“-Tech ist eben meistens dann attraktiv, weil man doch nur in Erinnerungen an die „gute alte Zeit“ schwelgt, in der alles einfacher war. Nostalgie entsteht, weil Menschen sich vor allem an Positives erinnern, während Negatives oder Mühsames mit der Zeit vergessen wird. Auch wenn Kassetten-Mixtapes gerade deshalb so toll waren, weil sie so viel Arbeit kosteten, werden sich die wenigsten heute den ganzen Tag vor ein Radio setzen wollen, um im richtigen Zeitpunkt „Record“ zu drücken. Nichtsdestotrotz erleben vor allem die 80er und 90er Jahre in Musik, Film, Fernsehen, Mode und eben auch Technologie eine Renaissance.

Der NES Mini bringt Retro-Klassiker zurück.

Nintendo, SEGA und Atari bringen die Kindheit zurück

Den vermutlich größten Erfolg feierte Nintendo mit seinen „Mini“ Konsolen. 1986 konnte man die erste Heimkonsole des Unternehmens, das „Nintendo Entertainment System“, kurz NES, in Europa kaufen. Damit begründete die japanische Firma nicht nur den Beginn ihres andauernden Erfolges, sondern zog die Videospielindustrie aus einer mehrjährigen Krise. Die Neuauflage kommt mit 20 vorinstallierten Spielen und war nach kürzester Zeit restlos ausverkauft. Verständlich, dass das Nachfolgemodell, der „Super Nintendo“ (SNES) in seiner Mini-Variante nicht lange auf sich warten ließ.

 THEC64® Mini

Der Erfolg dieser Retro-Konsolen ruft nun auch Hersteller auf den Plan, die sich bereits seit Jahren – und Jahrzehnten – aus dem Geschäft zurückgezogen haben. Einer der beliebtesten Heimcomputer etwa, der „Commodore 64“ (C64) bekam Anfang 2018 eine Mini-Ausführung. Hier wurde die Technik in ein hübsches, aber nicht funktionsfähiges, Gehäuse verpackt. So ist die Tastatur nur Attrappe, aber die 64 vorinstallierten Spiele funktionieren ohnehin via Joystick. Auch die Kult-Marke Atari arbeitet an einem Revival ihres „VCS 2600“, das bereits 1977 das erste Mal vorgestellt wurde und jetzt generalüberholt wieder angeboten werden soll. SEGA, die Marke, die den flinken blauen Igel „Sonic“ berühmt machte, bringt seinen den „Mega Drive“ vorerst nur in Japan zum 30. Jubiläum wieder auf den Markt.

Was an den alten Konsolen so spannend war? Wenn man den vielen Stimmen glauben mag, dann war es neben der schönen Erinnerung, als Kind gemeinsam mit den besten Freunden Prinzessinnen gerettet zu haben, auch die problemlose Funktionalität. Wenn man ein Spiel kaufte, gab es weder Startverzögerungen, noch stundenlange Updates, noch Ladezeiten. Man steckte das Modul mit dem Spiel in die Konsole, drückte „Start“ und los ging der Spaß. Zudem haben viele der Klassiker die Zeit überdauern können und begeistern noch heute, sei es „Super Mario Kart“, „Zelda: A Link to the Past“ oder „Street Fighter II“, die mit dem „SNES Mini“ mitgeliefert werden.

Einfach, sicher, unkompliziert

Das neue Nokia 3310 gibt es in vier Farben.

Tatsächlicher Anreiz ist die Spieleauswahl allerdings nicht. Während es zahlreiche Emulatoren gibt, die die Klassiker sogar auf Smartphones spielbar machen, könnte man sich so einen „NES Mini“ eigentlich auch selbst bauen, dank Raspberry Pi oder Arduino. Darauf könnte man theoretisch eine viel größere Auswahl an frei zugänglichen Spieleklassikern bereitstellen. Doch das handliche, schicke Retro-Design und die limitierte Auflage, machen das Gerät zum Sammlerstück und Hingucker.

Das gilt in ähnlicher Weise für das Nokia 3310: Kein Whatsapp, keine E-Mails und unerträglich lange Wartezeiten, bis sich eine Website aufbaut, machen die Neuauflage heute eher zu einem hübschen Accessoire. Ein einfaches Gerät, in Umfang und Bedienung – danach darf man sich in Zeiten, in denen Technik täglich komplexer zu werden scheint, schon mal sehnen. Wenn selbst der Kühlschrank nach einem W-LAN Passwort fragt und man von unterwegs die Heizung im Badezimmer auf exakt 26 Grad stellen kann, wirkt Retro-Technik fast wie ein bisschen Detox.

Verfasst von
Franziska Bechtold arbeitet in der Monopol-Redaktion und verbringt ihre Freizeit schon immer gern in Digitalen Welten: Videospiele, SmartDevices und technologischer Fortschritt sind feste Bestandteile ihres Alltags. Blogt als elektro-uschi.at

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