Die Zukunft der Bildbearbeitung

12. Januar 2018 /

Adobe Photoshop gilt als das Standard-Programm für professionelle Bildbearbeitung. Seit der Version 1, die im Jahr 1990 auf den Markt kam, hat es sich zu einer äußerst mächtigen Software entwickelt, der nur durch die Vorstellungskraft der Benutzer Grenzen gesetzt werden. Die unzähligen Funktionen und ebenso vielen Möglichkeiten, seine Bilder etwa mit Hilfe von Ebenen oder Masken zu Juwelen der Fotografie zu machen, führen dazu, dass Photoshop nur jene gewinnbringend verwenden können, die viel Zeit und Hirnschmalz ins Erlernen der Software investieren. Dazu kommt, dass man auch als Profi nicht selten tagelang vor dem Computer sitzt, um das gewünschte Ergebis zu erzielen.

Das soll nun anders werden. Adobe hat schon vor einiger Zeit begonnen, seine Produkte mit Künstlicher Intelligenz zu veredeln und das Leben der Bildbearbeiter zu vereinfachen. Ein typisches Beispiel ist das sogenannte Freistellen von Personen – ein Knochenjob für jeden, der etwa den Auftrag bekommt, den Hintergrund in einem Portraitfoto zu verändern oder die Person ganz von der Umgebung zu lösen, um sie etwa in einem Magazin-Layout flexibel verwenden zu können – man denke nur an die unzähligen Haare, die vom Kopf wegstehen. Mit traditionellen Mitteln mussten diese in Kleinstarbeit markiert werden. Die Funktion „Select Subject“ nutzt die Methoden des Machine Learning, die helfen sollen, eine Person (oder auch Tier) mit einem einzigen Klick freizustellen.

Ein weiteres Projekt, das Adobe derzeit gemeinsam mit der Princeton University und dem Georgia Institute of Technology verfolgt, ist „Scribbler“: Mit dieser Funktion, die mit einem Lernalgorithmus und Referenzbildern arbeitet, können die User Skizzen und Schwarzweiß-Fotos etwa von Personen automatisch einfärben. So wird aus einem alten Einstein-Foto ein lebendiges Abbild, das unserer heutigen Sehgewohnheit entspricht (siehe Bild). Das ist keine Trivialaufgabe, denn die Haut ist ein komplexes System aus sehr unterschiedlichen Farbschattierungen. Anhand der Dichte von hellen Tönen erkennt die Künstliche Intelligenz sogar blonde Haare.

Adobe arbeitet auch an der smarten Bearbeitung von Bewegtbild: Mit einer Funktion, die heute unter dem Namen „Project Cloak“ bekannt ist, werden User in Zukunft Personen und Objekte aus Videos verschwinden lassen können, ohne jedes Einzelbild mühselig manipulieren zu müssen. So wird in Handumdrehen ein Video mit dem oder der Ex zu einem Opus, das man mit gutem Gewissen der oder dem Nachfolger zeigen kann. Dass man mit dieser Funktion sehr leicht die öffentliche Meinung manipulieren kann – Stichwort „Fake News“ –, ist ein Grundproblem, dem man sich seit Erfindung der Fotografie stellen muss. Denn Manipulationen war schon in der analogen Welt möglich, wenn auch nicht so bequem wie heute.

Den Rahmen für die Forschung in Sachen Künstlicher Intelligenz bildet Adobe Sensei. Er greift dabei auf eine immense Sammlung an Dateien und Daten zu – von hochauflösenden Bildern bis hin zu Informationen über Klicks. Adobe Sensei kann Bilder über riesige Bestände hinweg abgleichen, die Bedeutung oder die Stimmung eines Dokuments erfassen. Damit wird Bildbearbeitung früher oder später zu einem Kinderspiel.

Wenn der Benutzer in Fotos Objekte verschiebt, fügen sich diese auf Basis benachbarter Pixel nahtlos an der neuen Stelle ein. Schriften werden automatisch erkannt und wiederhergestellt. Adobe Sensei kann zudem Objekte in Bildern erkennen und Suchbegriffe zu den Foto-Tags hinzufügen. Mit der Funktion zur Gesichtserkennung lassen sich Orientierungspunkte wie Augenbrauen und Lippen festlegen, sodass der User den Gesichtsausdruck mit einem Klick ändern kann.

Künstliche Intelligenz steht erst am Anfang, wenn es darum geht, Fotos oder Videos professionell zu bearbeiten, ohne zuerst ein Programm wie Adobe Photoshop studieren zu müssen. Wenn es soweit ist, wird der Unterschied zwischen einem guten und schlechten Foto bloß in der Kreativität des Users liegen.

Verfasst von
Wolfgang Franz ist freier IT-Journalist und Mitgründer der Content-Agentur kontexte.

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