Die Flüchtlingshilfe zeigt, was Smart City sein kann

24. September 2015 /

Eigentlich hätte sich der Diskussion am 22. September im Wiener MAK aktuell ganz dem Thema „Smart Life in the City“ widmen sollen. Zu der Abendveranstaltung, die im Rahmen der diesjährigen Vienna Biennale stattfand, hatten Ulrike Huemer, Chief Information Officer der Stadt Wien, Simon Niederkircher, Miterfinder des Minikraftwerks „Simon“, Ars-Electronica-Director Gerfried Stocker, T-Mobile Austria CEO Andreas Bierwirth, MAK-Direktor und Initiator der Vienna Biennale 2015, Christoph Thun-Hohenstein sowie Moderatorin und Puls4 Info-Chefin Corinna Milborn am Podium Platz genommen. Doch es kam ein wenig anders. Eine Frage, mit der so manches Boulevardblatt eine Neiddebatte angestoßen hat, die Klaus Schwertner selbst nur allzu gut kennt. Als eine von vielen Antworten auf diese Frage, erzählte der Caritas-Wien-Chef eine Geschichte, die er kürzlich am Westbahnhof erlebt hat.

Überraschungsredner Claus Schwertner, Caritas Wien, erläuterte den Wert des Smartphones für Flüchtlinge.

Überraschungsredner Claus Schwertner, Caritas Wien, erläuterte den Wert des Smartphones für Flüchtlinge.

„Am Bahnsteig 1 begann ein Flüchtling neben mir nervös zu telefonieren und ist dann plötzlich kollabiert.“ Später habe sich herausgestellt, dass er zuerst über Social Media und dann via Telefon erfahren hat, dass sein siebenjähriger Sohn gestorben ist. „Dieses Beispiel zeigt, dass das Smartphone für Flüchtlinge die einzige Möglichkeit ist, um zu erfahren, ob die Angehörigen noch leben“, so Schwertner. Typischerweise würden Flüchtlinge mit dem, was sie auf dem Leib tragen, etwas Geld, möglicherweise einen kleinen Rucksack aber wenn möglich immer mit einem Smartphone die Flucht von ihrer Heimat in eine ungewisse Zukunft antreten. „Mit dem Smartphone navigieren sie, können Notrufe absetzen, wenn etwa das Boot, in dem sie sich befinden, sinkt und informieren ihre Angehörigen, wenn die Flucht gelungen ist und sie wohl auf sind“, erklärte Schwertner.

Smartphone und Co befeuert Hilfsbereitschaft
Gleichzeitig würde das Smartphone und Social Media die Hilfsbereitschaft der heimischen Bevölkerung auf eine großartige und positive Art und Weise ändern. Schwertner: „Wir als Caritas haben uns in der Vergangenheit immer vor Sachspenden gefürchtet, sind aber gleichzeitig darauf angewiesen.“ Der logistische Aufwand für diese Art von Zuwendungen ist eben hoch, besonders wenn Dinge über längere Zeit gelagert werden müssen. „Nun können wir über Social Media punktgenau zum Spenden aufrufen und auch kommunizieren, was wir genau brauchen. Und: Wir können auch mitteilen, dass wir genug haben“, so der Caritas-Generalsekretär weiter. Auch das Organisieren von freiwilligen Helfern sei über Smartphone und Social Media viel besser möglich. „Allein seit Juli haben sich nur bei der Caritas 3500 Menschen gemeldet um am Westbahnhof und anderswo zu helfen“, schildert Schwertner. Über die Facebook-Seite „Wir helfen“  erreiche die Caritas derzeit etwa zwei Millionen Menschen; 53.000 Facebook-User haben den Auftritt geliked. Schwertners stolzes Resümee: „Bisher waren jeden Tag genügend Notquartiere vorhanden, sodass niemand im Freien übernachten musste.“

Stadt Wien hilft auch mit App und WLAN
Die Stadt Wien selbst hat ein ebenfalls äußerst wichtiges Tool zum Koordinieren der Flüchtlingshilfe zur Verfügung gestellt, wie Ulrike Huemer, CIO Stadt Wien der Stadt Wien, betonte. Über die App wien.at live können Hilfsorganisationen wie die Caritas oder Flüchtlingskoordinator Peter Hacker wie auch die ÖBB wichtige Informationen für freiwillige Helfer und die Wiener Bevölkerung in Echtzeit kommunizieren. Die App entpuppte sich bisher als wertvolles Tool zum Koordinieren der allgemeinen Hilfsbereitschaft. „Die Stadt Wien unterstützt die Flüchtlinge auch mit WLAN in den Notunterkünften. Denn das wichtigste, was die Flüchtlinge brauchen, ist die Kommunikation mit ihren Angehörigen“, sagte Huemer. Beides sei im Übrigen auch Teil einer Smart City.

T-Mobile sieht sich in der Pflicht
Gemeinsam mit der Caritas hat T-Mobile Austria das Projekt Connected Refugees ins Leben gerufen. Dabei unterstützt das Unternehmen die Flüchtlinge mit SIM-Karten und WLAN-Hotspots über LTE. Die eigenen Mitarbeiter wurden zu Geldspenden aufgerufen, die das Unternehmen dann verdreifacht. Mit der Summe wolle man Wohncontainer ankaufen; 10 wären das Ziel, so T-Mobile-Austria-CEO Bierwirth. Und: „Jeder Mitarbeiter bekommt einen Tag frei, um den Flüchtlingen zu helfen.“ Die Gruppe Deutsche Telekom sehe sich aber selbst auch in einer gewissen Verantwortung. Denn, so Bierwirth: „In allen Ländern entlang der Flüchtlingsrouten sind die dortigen Tochterunternehmen der Telekom eine der größten Arbeitgeber der Region.“ Die hiesigen Telekom-Töchter leisten Aufklärungsarbeit über die Flüchtlingskrise – etwa über Facebook. Dies stoße in manchen Ländern, wie etwa Ungarn, auf wenig Gegenliebe. „Wir bekommen auch sehr viele negative Reaktionen“, schilderte Bierwirth, von denen man sich allerdings nicht beirren lasse.

Jeder wird zum Energieproduzenten
Die moderne Kommunikationstechnologie spielt bei allen Hilfsinitiativen eine tragende Rolle. Diese Initiativen sind somit Teil eines „Smart Life in the City“; einer, der konkret und dessen Wirkung angreifbar ist. Greifbar ist auch das Produkt, dass Simon Niederkircher mitentwickelt hat. Das Mini-Solarkraftwerk Simon erlaubt es jedem, selbst Energie zu erzeugen und ist vor allem für den Einsatz in der Stadt konzipiert. „Unser Ziel war es, jeden in die Lage zu versetzen, leicht Energie produzieren zu können und zwar aus Quellen, die noch lange zur Verfügung stehen“, umriss Niederkircher die über Crowdfunding erfolgreich finanzierte Innovation. Innerhalb von nur sechs Wochen konnte Niederkircher und sein Team die für den Produktionsbeginn notwendigen 1000 Vorbestellungen verbuchen. Schon ab Dezember 2015 wird Simon zu einem Preis von knapp 600 Euro ausgeliefert. Wie funktioniert’s? Einfach Simon an einen möglichst sonnigen Platz stellen, anstecken. Schon liefert das Minikraftwerk bis zu 150 Watt Leistung und reduziert damit Stromverbrauch und -rechnung des Users. „Simon ist eine kleine Lösung – aber ein Schritt in die richtige Richtung“ meinte Niederkircher.

Die dunkle Seite mitdenken
Angesichts der dargebotenen konkreten Anwendungsfälle wie die Flüchtlingsinitiativen aber auch dem Kleinkraftwerk Simon zeigte sich MAK-Direktor und Initiator der Vienna Biennale 2015, Christoph Thun-Hohenstein, begeistert. „Aber ich versuche auch immer das ganze Bild zu sehen; also auch die Gefahren.“ Solche gäbe es auch beim Sprung in die Smart City. „Wollen wir eine Stadt, die ein Algorithmus ist, oder eine, in der Urbanität täglich gelebt wird“, meinte der Hausherr und zog einen Vergleich: „Das Internet war eine große Hoffnung und nun merkt man, dass es auch eine große Gefahr  ist.“ Man müsse beim technologischen Fortschritt eben immer aufpassen, dass am Ende eine lebenswerte Zukunft herauskommt.

Der Mensch schafft die Technologie und nicht umgekehrt
Dass alle Algorithmen von Menschen stammen, betonte Gerfried Stocker, Director der Ars Electronica. Deshalb sei auch der Mensch allein dafür verantwortlich. Stocker warb für ein wenig Nachsicht mit der Spezies Homo Sapiens. „Wir sind wie kleine Kinder, die allein zuhause an einem Tisch mit einer Schüssel voller Bonbons sitzen“, so der Ar-Electronica-Director. Trotz Verbot der Eltern greifen die Kinder zu und hätten danach Bauchweh. „Bei der Digitalen Revolution machen wir diesen Lernprozess auch durch“, meinte Stocker. Ängste um die Spezies Mensch habe er jedenfalls nicht, denn mit der Methode Probieren, Leiden und Lernen habe der Homo Sapiens bisher 200.000 Jahre überlebt.

Mehr Fehlerkultur in der Stadtverwaltung
Den Trial-and-Error Ansatz hielt Stadt-Wien-CIO Huemer für durchaus geeignet, wenn es darum geht, Wien zu einer Smart City zu machen. Eine Fehlerkultur und Räume, in denen man Innovationen testen kann, gebe es heut in der Stadtverwaltung noch viel zu wenige. „Aber wir sind am Weg“, gab sich Huemer optimistisch. Bei dem Prozess, Wien zu einer Smart City zu machen, folge die Stadtverwaltung einem wichtigen Grundsatz. „Wir lassen niemanden zurück.“ Es gebe viele Bürger, die möglichst alles digital abgebildet haben wollen. Aber es gebe auch andere, die der Digitalisierung skeptisch gegenüberstehen. Die Stadt müsse den Bedürfnissen beider Gruppen gerecht werden. „Es ist nicht leicht, hier einen Mittelweg zu finden“, betonte Huemer. Denn auch aus Kostengründen könne man nicht jedes Service digitalisieren, aber gleichzeitig auch die althergebrachte Form aufrecht erhalten. Das Thema Smart City habe aber auch einen starken Sicherheitsaspekt, so die CIO der Stadt Wien. Sie betonte: „Die Städte und deren Infrastruktur sind die Angriffspunkte der Zukunft.“ Hier gelte es, die wichtigen Daten zu schützen und auch mit völligen Black-Outs umzugehen.

Mobilfunker sind Herz und Kreislauf der Smart City
Welche Rolle Mobilfunkbetreiber in einer Smart City spielen, wollte dann Corinna Milborn von T-Mobile-Austria CEO Bierwirth wissen. Dieser zog den menschlichen Körper als Vergleich heran, um zu antworten. „Wir sind das Kreislaufsystem samt dem Herz. Es gibt kein vernetztes Gerät, das ohne unser Service funktioniert.“ Aber: „Wir sind nicht das Hirn, wir bringen nicht die Intelligenz in das System.“ Hirnschmalz sei von den Mobilfunkern aber dennoch in hohem Maße gefordert. Denn T-Mobile Austria muss wissen, welche Kapazitäten vom Netz in fünf bis zehn Jahren erwartet werden. Auf die Frage, welche Anbindung ein selbstfahrendes Auto an die Infrastruktur haben wird, müsse ein Mobilfunker bereits heute eine Antwort haben. Auch die Politik solle imstande sein, so weit vorauszudenken und zu planen, forderte Bierwirth. „Das ist aber derzeit nicht der Fall und die Mobilfunker bekommen oft unnötige Hindernisse in den Weg gelegt.“ Dies hätte zur Folge, dass Wertschöpfung aus Europa abgezogen werde – etwa durch Unternehmen wie Google oder Uber. „Die Geschwindigkeit des Skalierens ist in Europa aufgrund der vielen unterschiedlichen Regeln nicht so hoch, wie in den USA.“ China hätte dieses Problem besser erkannt als Europa. Indem es für die wichtigsten Internet-Dienste eine chinesische Kopie gibt, hätte man den Abfluss der Wertschöpfung verhindert oder zumindest verlangsamt. „In Europa ist es fünf nach zwölf“, betonte Bierwirth den Ernst der Situation. Rückgängig könne man allerdings nichts machen, nur der Blick nach vorne offeriert Chancen, um verlorenen Boden wieder zurückzugewinnen. Bierwirth: „Europa muss voll auf die Digitalisierung setzen.“

Europa fehlt Start-Up-Kultur
Den Grund, warum Europa hinter andere Wirtschaftsräume wie den USA zurückfällt, sieht der MAK-Direktor Thun-Hohenstein nicht allein in der europäischen Regelflut, denn auch in den USA gebe es lästige Vorschriften. „Wir haben hier eine viel zu schwache Start-Up-Kultur“, so Thun-Hohensteins Diagnose. Hier würden gerade die Mobilfunker aber auch helfen können, meinte Bierwirth. Allerdings bräuchte es dafür sowie für zukunftsträchtige Investitionen Geld, und zwar kein öffentliches sondern selbst verdientes. Bierwirth: „Wir Mobilfunker müssen eine Umsatzwachstum erzielen.“ Dies sei dann möglich, wenn die Unternehmen das aktuelle und auch zukünftige Verhalten der Kunden besser analysieren und prognostizieren. „Wenn ich heute noch für SMS-Gebühren verlange und immer mehr meiner Kunden nutzt WhatsApp, dann darf ich mich nicht über einen Umsatzrückgang bei SMS-Produkten beschweren.“

Zahnersatz für den Weltraum kommt aus Wien
In Wien mag die Start-Up-Kultur zwar nicht so ausgeprägt sein, wie in Kalifornien. Einige gute Ideen reifen aber auch in der Donaumetropole zu innovativen Produkten. Dies zeigt nicht nur das Kleinkraftwerk Simon, sondern auch ein Service, dass von Zahnproblemen geplagte Menschen helfen kann und das am Schluss des Diskussionsabends präsentiert wurde. Die Firma Meusburger Dentaltechnik aus dem 2. Wiener Gemeindebezirk hat ein Verfahren entwickelt, mit dessen Hilfe sich auf jedem Punkt der Erde und sogar auf anderen Planeten mittels 3D-Drucker einen auf den Patienten individuell zugeschnittenen Zahnersatz liefert. Bei einer 14 Tage dauernden Simulation einer Mars-Expedition am Kaunertaler Gletscher konnte Meusburger Dentaltechnik ihre Innovation erfolgreich testen. Gute Ideen aus der Smarten City Wien haben das Potenzial sich auf der ganzen Welt und sogar darüber hinaus durchzusetzen.

Verfasst von
Sie ist Pressesprecherin von T-Mobile Austria und Hauptredakteurin des 0676 Blogs. Sie interessiert sich seit der Jugend für Telekommunikation, Technologie und Mobilfunk.

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