Apples Anti-NFC-Wette

23. September 2012 /
Das Börserl auf Apples iPhone

Apple setzt auf Optik statt auf NFC

Das iPhone 5 hat kein NFC (near field communication). Das ist soweit bekannt, und die meisten Berichte über Apples jüngste Version des iPhone listeten dies als fehlendes Feature um ihrer Pflicht zum Vergleich von Geräten nach zu kommen, insbesondere mit Samsungs Galaxy S3. Soweit, so gut, aber eigentlich so uninteressant. Die interessante Frage ist: Warum hat Apple dem iPhone 5 wie schon dem iPhone 4S kein NFC verpasst? Offenkundig ist, dass die NFC-losigkeit des iPhones (wie des jüngsten iPod Touch, oder die dritte Generation des iPad) nicht technischem Unvermögen geschuldet ist. Irgendwie scheint sich die Tech-Presse auch schon im Vorfeld weitgehend damit abgefunden zu haben, denn anders als beim Vorgänger 4S, wo NFC hoch oben auf der Liste erwarteter Technologie stand, war die Funktechnik, die u.a. zum Zahlen oder als Schlüsselersatz von Hoteltüren genutzt werden kann, im Vorfeld von „5“ kaum der Rede wert.

Der einzige offizielle Kommentar zum „fehlenden“ NFC kam von Apple Marketingchef Phil Schiller in einem Interview nach der Präsentationd des iPhone 5: Es sei nicht sicher, ob NFC „die Lösung für ein bestehendes Problem sei“ und überhaupt: „Passbook erledigt die Art von Dingen, die Kunden heute brauchen.“ Passbook, hierzulande noch relativ wenig beachtet, ist eine neue App in iOS 6, die alle Arten von Kundenbindungsprogrammen und Tickets speichert. Mit einer wesentlichen Ausnahme: Kreditkarten. Statt NFC setzt Apple daher bis auf weiteres auf Bar- und QR-Codes, die von optischen Scannern gelesen werden können. Übrigens hat auch jedes Smartphone damit einen Scanner integriert: die Kamera. Das macht es kleinen Betrieben und Geschäften leicht dies für Gutscheine oder anderes zu verwenden. Nach einem Bericht des Wall Street Journal (Abo erforderlich) spielte dabei auch der Energieverbrauch von NFC eine Rolle, um sich gegen die Integration derzeit zu entscheiden.

Damit ist Passbook in absehbarer Zeit vielseitiger als NFC, für das es derzeit im Handel de facto so gut wie keine Lesegeräte gibt. Hingegen sind Bar- und QR-Codes bereits weit verbreitet, von der Supermarktkasse bis zum Checkin am Flughafen. Und Passbook legt das alles in einer einfach nutzbaren Form zusammen. Nebeneffekt: Auch die beiden Vorgängergeneration des iPhone sowie das iPad können dies sofort nützen, da nur ein Upgrade auf iOS 6 nötig ist. Auch der Innovationschef der Deutschen Telekom, Thomas Kießling, ging bei einem IFA-Pressegespräch mit österreichischen Journalisten Ende August davon aus, dass optische Codes eine Brückenfunktion bis zur weiten Verbreitung von NFC haben. Aufgrund des Upgrade-Zyklus im Handel schätzt Kießling, dass jährlich rund ein Fünftel der Scanner an Verkaufsstellen erneuert werden, eine völlige NFC-isierung der POS (point of sales) damit fünf Jahre in Anspruch nehmen wird.

Wie stets fährt Apple also eine Mischung aus radikaler Neuerung (wie z.B. die Einführung des Touchscreen als einzige Bedienungsmöglichkeit für iPhone / iPod / iPad) und der Nutzung weit verbreiteter „alter“ Technologie für neue Zwecke, in diesem Fall optische Codes, Scanner und Kameras. Damit könnte am iPhone schneller als bei den Konkurrenten die Gewöhnung der User an zahlungsartige Transaktionen stattfinden. Denn auch die Gewohnheit ist ein nicht zu unterschätzender Faktor bei der Adaption neuer Technologie, warum sich auch Bargeld-Zahlungen mit Bankomat-Karten nie breiter etablieren konnten. Sind iPhone-User erst einmal gewohnt ihr Handy zu zücken, um damit „zu zahlen“ (auch Gutscheine und Tickets zählen dazu), und beginnt der Handel und andere NFC-Terminal im breiten Stil einzusetzen, dann bedarf es nur eines einzigen Upgrade-Zyklus, damit auch das iPhone X dabei ist.

 

Verfasst von
Helmut Spudich ist Unternehmenssprecher der T-Mobile Austria, zuvor Wirtschafts- und Technologie-Redakteur bei Der Standard, Wien.

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