Potenzial von Menschen mit Asperger-Syndrom

01. April 2017 /
Symbolfoto Specialsiterne Bildrechte: Walter Kvapil Symbolfoto Specialsiterne Bildrechte: Walter Kvapil

Am 2. April 2017 findet der von den Vereinten Nationen initiierte Welt-Autismus-Tag statt, an dem eine weltweite Sensibilisierung zum Thema Autismus erreicht werden soll. In Österreich finden sich ca. 80.000 Menschen mit Autismus, davon hat rund jeder Dritte das Asperger-Syndrom. Das Syndrom ist von normaler bis überdurchschnittlicher Intelligenz sowie normaler kognitiver Entwicklung im Kindesalter gekennzeichnet. Diese Gruppe mit einer leichten Form des Autismus besitzt oft spezielle Talente die von Unternehmen gesucht sind wie zum Beispiel logisches, analytisches Denken, Null-Fehler-Toleranz, ein gutes Gedächtnis für das Erfassen von Inhalten sowie ein gutes Langzeitgedächtnis oder Freude an Routineaufgaben. Aber trotz all dieser Fähigkeiten sind 80 Prozent der Menschen arbeitslos, denn die variierende Schwäche in der sozialen Interaktion und in den Kommunikationsfähigkeiten lassen Vorstellungsgespräche zu einer großen Hürde werden.

Der Verein Specialisterne unterstützt Menschen mit Asperger-Syndrom damit sie ihren Qualifikationen entsprechend Arbeit finden. Sie übernehmen den Erstkontakt zu Firmen und erleichtern so den Einstieg in den Job. Seit 2015 kooperiert T-Mobile mit Specialisterne und hat dadurch drei hochqualifizierte IT-Kräfte gefunden. Aufgrund der guten Zusammenarbeit wird die Kooperation ausgebaut. Der 0676Blog hat Gabi und Alexandra, die über Specialisterne bei T-Mobile beschäftigt sind, zu einem Interview gebeten.

Wann wurde bei euch die Diagnose gestellt und was hat sich seitdem für euch verändert?
Gabi:
Ein Projekt von Specialisterne vor zwei Jahren war die Veranlassung, eine offizielle Diagnose erstellen zu lassen. Da meine beiden Kinder schon im frühen Alter Anzeichen von Asperger zeigten, hatte ich natürlich schon den Verdacht, dass ich ebenfalls im autistischen Spektrum sein würde. Die Diagnose selbst bewirkte daher bei mir keine großen Veränderungen. Im Nachhinein verstehe ich besser, warum ich als Kind anders war. Da ich sehr gut angepasst bin, können viele Leute nicht glauben, dass ich wirklich autistisch bin.

Alexandra: Die Diagnose kam bei mir eher spät, Ende 20. Das hat einiges einfacher gemacht,  vor allem der Umwelt zu erklären, warum man manche Dinge so anders sieht als „normal“ erwartet wird. Es erleichtert eine Diskussion ungemein, wenn alle Teilnehmer zumindest ein grundlegendes Verständnis vom Thema haben – und das kann man sich leichter aneignen, wenn man weiß, dass es etwas gibt, wonach man suchen kann, in unserem Fall eben die Diagnose Asperger-Syndrom.

Was sind Eure besonderen Stärken. Wo hilft Euch eure autistische Wahrnehmung?
Gabi:
Meine größte Stärke ist meine Beharrlichkeit. Wenn mir etwas auffällt, dann will ich wissen, warum das so ist. Es irritiert mich, wenn etwas ungewöhnlich ist. Ich kann Informationen relativ rasch erfassen und Zusammenhänge herstellen.

Alexandra: Ein sehr großer Vorteil ist der Blick für Details. Wer die Berichte zu den kommenden Änderungen am EU-Roaming verfolgt hat, wird z.B. gehört haben, dass es aus Betreibersicht nicht egal ist, ob man im oder ins Ausland telefoniert. Das ist nur einer von sehr vielen Puzzleteilen, die man kennen muss und deren Zusammenspiel man verstehen muss. Außerdem gehört neben analytischem Denken vor allem auch ein gewisses Maß an Geduld und Hartnäckigkeit dazu, dran zu bleiben und die Lösung weiter zu suchen. Dazu muss man manchmal auch „outside the box“ denken, weil manche Wechselwirkungen eben nicht ganz so offensichtlich sind. Ein weiteres Stichwort wäre Lösungsorientierung. Wenn da tatsächlich ein Problem ist, geht es nicht darum, einen Schuldigen zu suchen, sondern es geht darum, das Problem zu beheben, unabhängig von individuellen Befindlichkeiten.

Alexandra, du bist top ausgebildet, da könnte man  meinen, du hast keine Schwierigkeiten einen Job zu finden. Weshalb brauchst du die Hilfe von Specialisterne?
Alexandra: Mit Selbstdarstellung haben wir Schwierigkeiten. Dass eine normale Stellenausschreibung nicht zu 100 Prozent auf unser Profil passt, ist Grund genug, sich gar nicht erst zu bewerben. Dazu kommt, dass es uns nicht einfallen würde, Dinge und Eigenschaften, die für uns „normal“ sind, anderen als interessant und besondere Stärke zu verkaufen. Specialisterne vermittelt da zwischen Unternehmen und Betroffenen, um ein Umfeld und einen Tätigkeitsbereich abzugrenzen, der für beide funktioniert und Mehrwert bringt. Frei nach „Wie ich will“-Prinzip wird die Position so gestaltet, dass sie für alle Beteiligten passt.

Gabi, du bist als Veterinärmedizinerin erst später zur Informatik gestoßen. Man hat das Bild im Kopf, dass Menschen mit Autismus nicht flexibel wären – ist das nur ein Vorurteil?
Im Grunde genommen geht es auch bei Incident-Management um Diagnostik. Ich hatte schon sehr früh Kontakt mit EDV, da mein Vater eine Schwäche für technische Neuheiten hat. Auch im Rahmen meiner Tätigkeit in der Biokontrolle arbeitete ich bereits mit Datenbanken. Ich bin einerseits sehr aufgeschlossen für Neues, andererseits erledige ich gerne Routineaufgaben.

Was sind Schwierigkeiten aufgrund eurer Diagnose, die ihr selbst kompensieren müsst bzw. wo sollte das Umfeld Rücksicht zeigen?
Alexandra:
Da nimmt Specialisterne den größten Druck von Anfang an weg, weil eben darauf geschaut wird, dass das Umfeld passt. Das weit verbreitete Bild, dass eine Person mit autistischer Wahrnehmung zwingend allein und hermetisch abgeriegelt in einem Einzelbüro sitzen muss, ist z.B. in vielen Fällen stark übertrieben oder trifft gar nicht zu.  Auch in Großraumbüros lassen sich Plätze finden. Entscheidend ist dabei aber, dass man selbst erkennt, was für einen „funktioniert“ und was nicht.  Außerdem sind viele Schwierigkeiten mit oder für Kollegen gleich viel weniger schwierig, wenn man weiß, warum manche Dinge vielleicht seltsam wirken. Dafür sind die Workshops gedacht, die Specialisterne beim Einstieg organisiert.

Ihr seid jetzt eineinhalb Jahre für T-Mobile tätig. Was hat sich seitdem für euch verändert?
Gabi:
Ich kann meine Talente einsetzen und empfinde meine Arbeit sehr spannend und erfüllend. Und es gibt so vieles, das ich noch lernen will.

Danke, dass ihr unsere Fragen beantwortet habt.

Links:
Specialisterne Austria http://at.specialisterne.com/
Nachhaltigkeit bei T-Mobile: http://nachhaltig.t-mobile.at/2016/

Verfasst von
Sie ist CSR-Managerin bei T-Mobile Austria. Sie radelt täglich zur Arbeit und lebt für und im "grünen Lifestyle".

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